Beim „VisionMedia 2020“ Event der Rheinischen Fachhochschule hielt Ingo Schmoll am 21.Oktober 2009 folgenden Vortrag:
Ich freue mich, heute hier reden zu dürfen und habe mir auch extra einen etwas provokanten Titel für dieses Referat ausgesucht:
„Mut – das fehlende Gut in der deutschen Radio und TV Unterhaltung. Ein Lösungsvorschlag“
Ich habe mir gedacht, das klingt schön plakativ, und selbst wenn das Referat am Ende doch nicht so spannend ist, kommen wenigstens viele und man kann sich dann hinterher darüber aufregen, was der Schmoll da angekündigt und nicht gehalten hat...
Ich möchte ein wenig darüber reden, wie die deutsche TV- und Radiounterhaltung es geschafft haben, so belanglos, platt und seicht zu werden im Laufe der letzten 20 Jahre, spätestens seit das Privatfernsehen über uns kam. Und das ist auch genau der Zeitraum, seitdem ich in der Branche zu tun habe.
Seit 1989 arbeite ich für verschiedene Sender als Moderator, teilweise auch als Autor und Redakteur meiner Sendungen – ganz am Anfang sogar selbst fürs Privatfernsehen RTL, die – damals gerade in Köln angekommen – ihr Fernsehprogramm aufbauten.
Und wie das oft ist am Anfang, in der Pionierzeit, aus sehr wenig musste mal sehr viel machen. Was aber toll war und was den Sender damals auch recht eigen gemacht hat. Im Gegensatz zu heute wirkte das ganze Programm jedoch insgesamt menschlicher, chaotischer und nicht ansatzweise so durchgestylt, wie das Privatfernsehen heutzutage.
Man ließ uns damals komplett von der Leine. Das führte u.a. dazu, dass es mir ermöglicht wurde, drei Jahre lang mit meiner ersten Sendung „RAGAZZI“ dort so ein Musikmagazin zu machen, das informativ und qualitativ hochwertig war. Parallel dazu gab es bei RTL sogar eine Heavy Metal Show namens MOSH, bei RTL !!! . Seit dieser Zeit habe ich, glaube ich, nie wieder Menschen mit langen Haaren und Lederkutten bei RTL moderieren sehen. Die tauchten höchstens als Vorführ-Asis in den späteren Daily-Talkshow- oder Reality-Formaten wieder auf. Aber zugegeben, es lief auch von Anfang an viel Schund im Privatfernsehen, Tutti Frutti, Erika Berger, Der Preis ist heiss...
Musiksendungen bei RTL heissen heute vor allem „DIE 25 GRÖSSTEN HITS DER 80er JAHRE“, wo dann ein paar „daher gelaufene Prominente auf einem Sofa mit der freundlichen Quasselstrippe Olli Geissen, über alles reden, aber unter keinen Umständen über die spannenden Stories hinter der Musik und den Menschen, die sie geschaffen haben. Also einfach ziemlich substanzlos. Dazu geben noch mehr C-F-Promis am laufenden Band in Einspielungen teils unglaublich nervige Kommentare ab. Und diese Shows in der Reihe „Die 25 größten dies und das“ gibt’s inzwischen in vielfacher Ausfertigung, nicht nur in Sachen Musik. „Die 25 größten Promi Skandale“, „Die 25 größten Reality Show Skandale“, kurz bevor man zur besten Sendezeit dann einen Vulkanausbruch in der Eifel inszeniert, bei dem am Schluss auch noch Jenny Elvers , die sonst beim Shopping Kanal Schmuck vertickt, sterben muss. Auch das alles natürlich nur das größte, auch das am besten gleich 25 mal am Stück !
Als ich im Anschluss an meine Zeit bei RTL in London für MTV bis 1996 als VJ tätig war, lag der Sender auch schon in den letzten Zügen, seinem Ruf als kultiger Musiksender alle Ehre zu machen. Mit mir gemeinsam moderierte ein durchgeknallter Engländer namens RAY COKES die vollkommen verrückte und weitest- gehend improvisierte Abendsendung „MOST WANTED“, in der im Grunde alles passieren konnte, und die dann später auf Viva von einem gewissen Stefan Raab in einer ziemlich unterirdisch peinlichen Art kopiert wurde. Genau das richtige um es im deutschen Unterhaltungs-fernsehen zu etwas zu bringen, etwas cooles aus dem Ausland kopieren und dazu auch noch schlecht. Die RAAB Fans unter Euch mögen mir verzeihen, „aber wer hats erfunden ?“ RAY COKES und ein damals noch cooles MTV.
Und aufgrund fehlender Riesenbudgets und dem Mut, einen Typ wie COKES ans Steuer zu setzen, passierte dann auch alles und vor allem unberechenbares, unvorhersehbares, politisch unkorrektes mit viel Selbstironie, die sich MTV leistete. Heutzutage nahezu undenkbar in dieser Form. MOST WANTED wurde seinerzeit die erfolgreichste Sendung des Senders. Und Stefan Raab hat es auch nicht so geil kopiert, wie ich finde.
Ab 1996 wurde aus dem Sender MTV Europe, der aus London ganz Europa in englischer Sprache mit Musik versorgte und sich durch seine Stilsicherheit, seine leidenschaftliche und authentische Herangehensweise ans Thema Musik und Jugendkultur zu einem wichtigen Bestandteil der Popkultur entwickelte, eine bedeutungslose Abspielstation für Klingeltonwerbung und teils extrem verblödete Reality Serien. Dass der Sender sich heute noch MUSIC TELEVISION nennt, ergibt zwar angesichts der wenigen Musik, die da noch stattfindet, gar keinen Sinn mehr. Aber damit ist wenigstens etwas Cooles von damals übrig geblieben: der Name, die Marke, die Corporate Identity, die übrigens in den meisten Fällen vor allem anderen kommt – vor den Inhalten und den Menschen, die für sie arbeiten und die ihr eigenes Programm, größtenteils selbst für eine Katastrophe halten, natürlich nicht nur bei MTV, sondern vielerorts, und das meist nicht mal mehr, hinter vorgehaltener Hand.
Nach meiner Zeit bei MTV und einigen eher bescheidenen Versuchen in einer neuen, immer mehr auf Trash ausgerichteten TV-Unterhaltungslandschaft weiter zu arbeiten, habe ich dann um die Jahrtausendwende allmählich für mich erst mal kapituliert. Die damals größeren Angebote, für die Privatsender eine Daily Talkshow oder Gameshows zu moderieren, konnte ich mit meinen Gewissen einfach nicht mehr vereinbaren. Und so habe ich mich, obwohl ich Fernsehen grundsätzlich auch sehr gern mache, aufs Radio machen konzentriert.
Wenn Sendungen seines Senders ProSieben seinerzeit floppten, betonte mein Vorredner Jobst Benthues in der Presse immer gerne den Satz „Es lag aber auf keinen Fall am Künstler“ , was ihn gewissermaßen auch ehrt. Aber vielleicht liegt es ja doch viel häufiger in der Verantwortung der Künstler, der Moderatoren, der Mitwirkenden, weil sie oft vor lauter Geilheit auf Erfolg und Geld nicht mehr in der Lage sind abzuwägen, was echte Qualität eigentlich ist. Bei den wenigen Vergleichsmöglichkeiten, die wir hier hierzulande haben, wird das ja auch immer schwieriger.
Und so kopiert dann, bei Erfolg eines Formats, ein Sender vom anderen, ein Moderator sieht so glatt aus wie der nächste und quatscht den gleichen leeren Stuss, und jede Woche kommt zu den, wie eine Viruskrankheit sich vermehrenden Comedians, noch ein weiteres Dutzend hinzu und macht noch flachere Witze, als die in der Woche zuvor. Mir war jedenfalls klar, ich möchte kein Opfer des TV Establishments werden, einer von diesen größtenteils Austauschbaren jungen Männer im Designer-Jacket und mit adrettem Haarschnitt. Eine Transformation, um die man mich auch diverse Male anhielt als ich noch viel Fernsehen machte, damit ich ins biedere und tote Bild der deutschen Fernsehunterhaltung besser rein passe. Und andereseits wollte ich auch auf gar keinen Fall so einer werden wie OLLI POCHER... der aber immerhin so viel Eigenironie besaß einen Kinofilm zu drehen, dessen Titel 1: 1 auf ihn zugeschnitten ist: „VOLLIDIOT“
Das mit dem Ausschlagen von Angeboten und nicht auf Teufel komm raus mein Gesicht um jeden Preis weiter ins Fernsehen zu halten, verstehen die meisten übrigens bis heute nicht. Nicht mal meine Mutter, die mir heute noch sagt: „Mensch Ingo, die Nachbarn sagen, sie hätten dich auch lang nicht mehr in der Glotze gesehen“. Ich verspreche ihr dann regelmäßig bei 9Live oder Astro TV zu anzuheuern , muss sie aber immer anlügen und sagen „die halten mich da für überqualifiziert“ .Dabei würden viele sogar noch Geld dafür zahlen, wenn sie in den Laberkasten dürften. Mein Eindruck ist – ehrlich gesagt – viele, die wir da heutzutage so sehen, gehören genau zu dieser Spezies. Aber jedem das seine....
Immerhin ist mir so eine Art Insel geblieben, ein Rettungs-Anker sozusagen , der aber , wenn das alles so weiter gehen würde wie bisher , auch vom Aussterben bedroht ist. Ich moderiere nach wie vor beim WDR für 1Live, meinem Haus und Hofsender, die all-abendliche Sendung PLAN B, ein recht schickes Popkulturmagazin. Es geht um Musik, Filme, Kunst, Literatur.Außerdem mache ich wieder gelegentlich ein bisschen Fernsehen: den legendären, und viel zu versteckten WDR Rockpalast (sonntags 0.30 Uhr) mit geschätzten 35 Zuschauern, die die Sendung aber lieben !
Das, worüber ich hier bei VisionMedia 2020 sprechen möchte, ist aber weniger, die guten alten Zeiten Revue passieren zu lassen und den Klassiker „Früher war alles besser“ zu propagieren, weil man das so pauschal auch nicht sagen kann. Auch, wenn das vielleicht so verstanden werden könnte, sage ich klar, ich befinde mich auch nicht im Lager der Kulturkritiker, die Unterhaltungs-Trash generell verdammen und verbannen wollen. Manche Formate finde sogar ich ganz lustig. Ich hab mir zum Beispiel die debile Heidi Klum Show angesehen und hatte echt Spaß beim Zugucken. Seitdem zwinge ich mir jeden Tag selbst einer „Challenge“ auf und achte penibel darauf, dass ich auf keinen Fall ohne wenigstens eine bekannte Klamottenmarke auf die Strasse gehe.
Nein, ich bin nur der Meinung: Es ist Zeit, für mehr Ausgewogenheit, für echte Innovationen und Mut, unkonventionelle Dinge auszuprobieren, mehr Alternativen und ultimativ auch ein geileres, aufregenderes, vielfältigeres Programm für das Publikum von morgen zu schaffen als das, was sich aktuell und seit vielen Jahren fast überall abspielt.
Dass das inhaltlich, qualitativ möglich ist, wird uns am plakativsten von den Engländern, und den oft als „doof“ beschimpften Amis gezeigt. Dabei machen gerade die seit Jahren unglaublich tolle TV-Unterhaltung. Ich erwähne mal ein paar Serien wie: SOPRANOS, 24, LOST, SIX FEET UNDER, MY NAME IS EARL, DEXTER, CALIFORNICATION , DESPERATE HOUSEWIVES, SIMPSONS, SOUTH PARK. Alles Programme die beweisen, dass Unterhaltung nicht dumm sein muss.
Und selbst manche Reality Show ist im US-Original leichter zu ertragen, weil man das in den meisten Fällen, die ich so kenne, cooler und mit größerer Selbstironie aufzieht. Dadurch wirkt es noch mehr wie Real-Satire, so als würde man sich selbst über den Qutasch, den man da verzapft lustig machen, was den Shows die Ernsthaftigkeit nimmt.
Das war’s auch, was mir bei MARK AND SARAH IN LOVE seinerzeit so fehlte, ein einziges mal der Eindruck, dass man das, was da gezeigt wird, bitte unter keinen Umständen ernst nehmen und sich an denen auch noch orientieren darf.
Ich befürchte aber, viele 12-16 jährige haben es trotzdem nicht geschafft und sind heute so wie Mark oder Sarah. Das was sich Abends direkt hier auf dem Kölner Ring abspielt, ist ein klares Zeichen dafür...
Die von mir am häufigsten gehörte Antwort von Programmchefs, warum wir hier nicht auch mal etwas anderes, großartiges ausprobieren und etablieren können, mit einer ähnlichen Philosophie und Herangehensweise wie bei den eben erwähnten Auslands-Serien, lautet fast immer : „Das bekomen wir hier in Deutschland nicht so hin und das würde hier nicht funktionieren“. Und tatsächlich sind die eben erwähnten US Serien bei uns als TV Ausstrahlung häufig nicht mal sonderlich erfolgreich, sondern oft erst dann, wenn sie als DVD erscheinen oder zum 4, mal sub-lizensiert werden an weitere Abspielstationen. Ich glaube, das ist vor allem auch deshalb so, weil sie in den Kontext der Sender, die sie zeigen und deren auf viel mehr Stumpfsinn getrimmtes Publikum, oft nicht mal mehr reinpassen.
Ein Bekannter von mir der bei einem großen Privatsender die US Serien als Redakteur betreut, hat mir vor kurzem mal erklärt: Wenn es nicht in den ersten 3 Minuten einer neuen Serie die wir hier zeigen ein paar Explosionen gibt oder ein paar Leichen, guckt schon keiner mehr weiter... Man hat das eigene Publikum anscheinend also schon längst daran gewöhnt.
Die viel besprochene Wirtschaftskrise, von der auch die Privatsender massiv durch Werbeeinbrüche und Quotenschwund betroffen sind, wäre ein toller Anlass, hier mal die RESET-Taste zu drücken und die Kreativität, die Leidenschaft, die Inhalte wieder mehr in den Vordergrund zu stellen, das Publikum von Unterhaltungsformaten, sei es im Radio oder im Fernsehen, nicht komplett zu verdummen und für unmündig zu erklären, dem Publikum nicht länger Inhalte vorzusetzen, die größtenteils beschämend sind .
Ein Grund für all das, was da passiert und schief gegangen ist, ist der: Nicht nur die meisten Finanzmanager und Investmentbanker sind eine gierige Spezies, sondern auch eine Unzahl der Verantwortlichen in den Medien. Die Währung, um die es hier geht, sind in allererster Linie hohe Einschaltquoten, um Werbung zu verkaufen. Ein weiteres Motiv , nichts wagen zu wollen, ist die Angst um den Job, also nicht bei nächster Gelegenheit von einem besseren Strategen ersetzt zu werden. Denn in erster Linie handelt es sich hier um Strategen und nicht mehr um kreative Macher.
Gegen Mitte der 90er Jahre starb diese Spezies weitgehend aus, wurde von Managern und Controllern ersetzt, die nicht nach Bauchgefühl und Geschmack agieren, sondern vor allem nach Zahlen urteilen. Es gibt massenweise Formate und Serien, die nach 2-3 Ausstrahlungen gleich wieder verschwinden. Es wird nicht mal mehr versucht, einer Sache Zeit zu geben, damit sich noch jemand an etwas neues gewöhnen könnte.
Wir haben in Deutschland die Situation, dass man vor allem auf Nummer Sicher geht. Das heißt, die Entscheidung, ob es ein Unterhaltungsformat ins Radio oder Fernsehen schafft, beruht in erster Linie auf Faktoren, die mit inhaltlicher Qualität erst mal so gut wie nichts zu tun haben.
Aber nicht nur im Unterhaltungs-Fernsehen sieht es so aus. Auch das deutsche Radio ähnelt einer Kirmes, auf der man uns vergammelte Zuckerwatte andrehen will und wo der TÜV seit Jahren die Geräte nicht mehr auf Sicherheit geprüft hat. Wir haben in Deutschland an die 300 Radiosender. Ich weiß nicht, wie es Euch und Ihnen geht, aber wenn ich mal durchs Land fahre und dabei versuche, ein Unterhaltungs-Programm zu finden, das mehr zu bieten hat, als schwachsinnige Verlosungsspiele und die gleichen massen-kompatiblen Musiktitel, die sich dort alle zwei Stunden in HEAVY ROTATION wiederholen, suche ich vergebens. Die Moderatoren sind oft kaum voneinander zu unterscheiden. Meist wirken sie anbiedernd, unnatürlich freundlich, ersetzbar, und die Worthülsen fliegen einem nur so um die Ohren. Dazu mindestens in jeder Moderation der Station Claim, bei gefühlten 80% aller Privatstationen „DIE BESTEN HITS der 80er, 90er und von heute“. Alles ist top formatiert. Gewagt wird gar nichts, und es ist im Grunde einfach nur gähnend langweilig. Willkommen im deutschen Berieselungs-Radio, wo man bloß nicht anecken will. Das alles ist mir persönlich ein Dorn im Auge bzw. im Ohr und viel zu feige.
Ich höre, allein um dem zu entgehen, seit einigen Jahren übers Internet deshalb auch ausländische Sender, die Kollegen von BBC Radio 1 in England oder das schwedische Radio P3, das u.a. exzellente Pop-Musikspecials zu bieten hat und sich insgesamt bemüht, seinen Hörern mehr zu bieten, als nicht stören zu wollen, damit es nebenbei gut auf der Arbeit laufen kann.
Howard Stern, der seit rund 20 Jahren die erfolgreichste Radioshow in den USA moderiert und über dessen Leben der tolle Kino Film „PRIVATE PARTS“ erzählt, sagt über sich und seinen Erfolg: „Die Leute schätzen an mir, dass ich ihnen nichts vormache, kein Blatt vor den Mund nehme und authentisch bleibe. Ich decke Heuchelei und Falschheit auf, wo ich kann“. Und dieser Typ ist kein politischer Talker, sondern macht reine Unterhaltung ! Dazu sollte man vielleicht erklären, es handelt sich bei dem, was er da macht, um eine Show, in der keine Musik läuft. Stattdessen unterhält er sich mit zwei Co-Moderatoren und seinen Teammitgliedern jeden Morgen vier Stunden lang unentwegt über alles nur Denkbare: tabulos, mutig und irgendwie ziemlich durchgeknallt, ohne irgendein Script oder vorher X mal geprobte schlechte Gags.Dazu interviewt er Promis und Stars, wie sich das NIEMAND sonst trauen würde.
Stern und auch sein Englischer Kollege Chris Moyles, der eine ähnliche Show bei der BBC präsentiert sind NIE anbiedernd und aufgesetzt freundlich zu ihrem Publikum, sondern bringen ihren Hörern gegenüber sogar manchmal leichte Verachtung zum Ausdruck und sind vor allem eins , menschlich, und keine Fakes, echte Persönlichkeiten. Etwas vergleichbares wird man im deutschen Radio nicht finden. Denn statt kreative talentierte Leute, die es durchaus gibt, neues ausprobieren zu lassen , hat man in Deutschland wiederum Angst davor , dass jemand zu erfolgreich und einflussreich werden könnte und so besteht die Hauptaufgabe von Programm-machern und Managern, vor allem darin , klein zu halten und auszubremsen, statt etwas großes zu wagen. Es geht auch bei Radio in erster Linie um Austauschbarkeit und aalglatte Formate.
Noch ne Interessante Statistik in diesem Zusammenhang zu Howard Stern : Seine Fans hören ihn jeden morgen im Schnitt 20 Minuten, seine Hasser hören ihn jeden morgen 2 Stunden, nur um mitzubekommen, was er jetzt als nächstes gleiche wieder sagt und sich darüber beschweren zu können.Bei uns hier würde man stattdessen leider schnell dafür sorgen , dass so einer seinen Job verliert und die Show ratz fatz eingestellt würde, dabei wäre gerade viel mehr Polarisierung sicher nichts schlechtes und muss nicht bedeuten, dass man das Publikum damit vergrault, im Gegenteil, man nimmt es so ernster. Dieser Typ ist der lebende Beweis.
Ausserdem ist er inzwischen über 50, hat lange Haare, rennt in lockeren Klamotten rum, ist selbst längst so eine Art Rockstar. Bei uns hätte man Angst vor so einem Typ, der die Medien so durch den Kakao zieht und dem der Status Quo nie ausreichte.
Das in etwa vergleichbarste, was Deutschland in der Richtung zu bieten hat, ist vermutlich HARALD SCHMIDT, wobei das, was Schmidt macht, schon eher mit Blick auf ein Bildungsbürger-Publikum kalkuliert ist. Trotzdem immer noch eine absolute Ausnahme-Erscheinung in Deutschland. Und sein Weg war steiniger als die meisten wissen , übers Theater in der Provinz, dann lange Jahre Kabarett-Touren, Spielshows in den dritten Programmen der öffentlich rechtlichen in furchterregenden Jackets bis zum Late Night Talk. Und auch der darf nur sagen was er sagt und dermaßen kritisch, sarkastisch und ironisch auftreten ,weil er sich das hart erkämpft hat und inzwischen ausserdem so wohlhabend ist, dass er sich das „leisten“ kann.
Ein sehr talentierter Radiokollege von mir bringt es auf den Punkt: Würde sich ein kleiner unbekannter Moderator ansatzweise Dinge leisten die Schmidt sich in seiner Show so rausnimmt, selbst wenn der Effekt beim Zuhörer oder Zuschauer nahezu der gleiche wäre, dann würde man von den Chefs in seinem Sender höchstwahrscheinlich nicht bejubelt , belohnt und hofiert , sondern wäre vermutlich eher in null komma nix seinen Job los, noch während der laufenden Sendung.
Das schwierigste ist und bleibt eben in jedem System das nach bestimmten Strukturen und Regeln erschaffen wurde , sich etwas ungehorsam zu wagen, sich zu trauen, diese Regeln auch wieder zu brechen, wenn sie fest gefahren und objektiv gesehen, längst unsinnig geworden sind, so wie vieles in der deutschen Radio und TV Unterhaltung. Und das kann sehr anstrengend werden, weil man immer Menschen in der Überzahl trifft, die einen ausbremsen wollen bei dem Versuch, deshalb geben die meisten auf, bevor sie irgendwas erreichen damit.
Es wird gerne behauptet auf der Seite der Verantwortlichen: Das Publikum sei selbst schuld an dem meisten Käse, der so läuft, weil es den ja auch konsumiert. Der satirische TV-Kritiker Oliver Kalkofe hat, wie ich finde, dazu mal einen bildlich sehr passenden Vergleich gefunden:
„Die Verantwortlichen verhalten sich wie ein Gefängnis-Wärter, der seinem Gefangenen ausschließlich trockenes Brot gibt mit der Begründung, der würde es ja auch immer aufessen.“
Ich zitiere hier noch aus einem weiteren Kalkofe-Statement zur Lage des deutschen Fernsehens, dass ich unterschreiben würde:
Er sagt:
„Wir können stolz darauf sein, unser Publikum in seiner Erwartungshaltung wie auch der intellektuellen Aufnahmefähigkeit so weit heruntergesendet zu haben, dass etwaige qualitativ höhere Aussetzer ohnehin nicht mehr angenommen werden können. Endlich ist das Publikum so doof, wie man es schon immer von ihm behauptet hat. Und es ist daran auch noch selbst schuld. Das schafft den Verantwortlichen zumindest ein reines Gewissen für die Verbrechen der nächsten Jahre.”
Uns geht es ja heute um die nächsten Jahre: die Vision 2020, also: Wie sieht das Publikum der Zukunft wohl aus. Fest steht, seit es Alternativen durchs Internet gibt, ob legaler oder illegaler Art, werden diese auch massiv genutzt, besonders vom jüngeren Publikum. Die klassischen Sender verlieren immer mehr an Macht, uns Dinge vorzusetzen, ohne dass man eine Alternative hätte, so wie das bis vor wenigen Jahren noch der Fall war.Diese Alternative gibt es nun : iPODs oder Videoportale wie Youtube, die gerade bekannt gaben, dass am Tag über eine Milliarde Videos dort angesehen werden, usw.
Ich selbst sehe eigentlich gar nicht mehr fern. Ich habe stattdessen meinen Fernseher mit dem Rechner verbunden und gucke mir fast nur noch Sachen an, die ich runter lade. Das gleiche höre ich von fast all meinen Bekannten. Und die Tendenz, dass die Sender immer weiter an Zuschauern verlieren, versuchen sie bisher auch noch nicht durch Innovation oder Experimente zu lösen, durchs ausprobieren und etablieren neuer Formen und Erzählweisen, sondern begegnen dem ganzen , so wirkt es auf mich , wie das Kaninchen vor der Schlange.Die Bestrebungen der großen Sender auf zwanghaften Konsens und ein Massenpublikum werden während dessen immer vergeblicher. Die Zeichen stehen sehr deutlich auf mehr Individualisierung, andere Nutzergewohnheiten und andere Inhalte als die bisherigen.
Sendungen, für die sich Massen begeistern können, gibt’s zwar sicher vereinzelt auch weiterhin, so wie es auch weiterhin Konzerte von U2 gibt, zu denen 15-65 jährige gehen oder Sportereignisse. Aber sie sind eben längst nicht mehr die Regel.
Ich würde mir wünschen, dass auch die deutschen TV- und Radiosender aus der neuen Situation lernen und uns in Zukunft überraschen, die träge Masse aufwecken und ihr Publikum nicht so verachten und unterschätzen, wie das vielerseits jahrelang der Fall war.
Nach dem Sterben der großen Musiklabels und den massiven Einbrüchen bei den Zeitungsverlagen ist jetzt das Sendersterben an der Reihe.Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lang hochverschuldete Senderfamilien es noch schaffen. Auch wenn ich es den Leuten, die ihre Jobs dabei verlieren, unter keinen Umständen gönne, so hat es ihr Programm in vielen Fällen nicht anders verdient, als eingestellt zu werden, um Platz zu machen für etwas Besseres
Zum Abschluss noch ein kleiner Lösungsversuch, den ich selbst unternehme, um der gegenwärtigen Situation etwas entgegenzusetzen. Eine Alternative ist für mich persönlich, auch als Programm-Macher natürlich das Internet und die Demokratisierung der Produktions- und Vertriebs-möglichkeiten. Ich mache im Netz inzwischen seit über 2 Jahren mit zwei weiteren Radiokollegen eine Radiosendung in Form eines kostenlosen Podcasts, jeweils eine knappe Stunde lang, die sich keine einzige der rund 300 deutschen Radiostationen in so einer Form auch nur anstzweise trauen würde . Es handelt sich dabei um eine Talkradioshow mit dem Titel „RADIO BRENNT“ , mit vielen satirischen Tabubrüchen, in der authentisch über alles und jeden gesprochen wird und bei der trotzdem oder gerade deswegen viele deutsche und internationale Künstler mitwirken, die sich über unsere Herangehensweise sehr freuen, wenn sie uns z.B. bestätigen, das sei endlich mal was anderes, weil sie es selbst schon völlig leid sind, ständig durchs Formatradio und Fernsehprogramm zu wandern und sich bei harmlosen, uninspirierten Interviews zu langweilen.
Wir haben mit „RADIO BRENNT“ trotz null Marketing und Null-Budget inzwischen ein paar tausend richtige Fans gewonnen, die jede Folge hören und es werden ständig mehr. Und ich weiß gar nicht, wie oft ich schon von Leuten gefragt wurde, die uns zufällig im Netz entdecken: „Warum gibt’s so was nicht im normalen Radio“? Und die Antwort ist auch hier ganz klar: fehlender Mut, fehlende Visionen und Angst, etwas zu machen, was anecken könnte. Aber genug Werbung für diese unglaublich tolle Show, meine ganz persönliche Vision 2020 sozusagen. Zumindest ein kleiner Teil, den ich auf dem Weg dahin unternehme (natürlich neben zahlreichen anderen Dingen...)
Ich würde mich freuen, wenn noch viel mehr Menschen solche oder ähnliche Projekte im Internet starten, um mit intelligent gemachter Unterhaltung ein Publikum zu überzeugen, um mehr Substanz zu schaffen, auf die sich ein Radio- und Fernsehprogramm von morgen stützen kann und so bald vollkommen anders aussieht, als es jetzt noch der Fall ist
Für die Zukunft würde ich mir von den Medienmanagern und Machern von Morgen, zu denen ihr gehört, wünschen: Bemüht Euch verstärkt darum, dass im Land der Dichter und Denker nicht vor allem Konsens und Einschaltquoten den Inhalt bestimmen, sondern die Kreativität, Intelligenz, Leidenschaft und Authentizität der Inhalte – vor allem der Mut, Neues auszuprobieren und sei es noch so abwegig und risikoreich. Unterschätzt und verdummt euer eigenes Publikum nicht noch mehr, nur um des Profits willen, denn früher oder später rächt sich das, genau wie bei ungesicherten Krediten auch. Bemüht euch darum, das Publikum von morgen, welches die Sender in den letzten 20 Jahren in eine Art Massen-Amnesie der Verblödung versetzt haben, wieder aufzuwecken und zu begeistern
Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit!
ABDRUCK / VERFIELFÄLTIGUNG/ WEITERVERBREITUNG NUR NACH VORHERIGER SCHRIFTLICHER GENEHMIGUNG DURCH DEN AUTOR